Familiengeheimnisse: Wer war diese Frau?

In jeder Familie gibt es ein Geheimnis. In der unserer Autorin war es die rätselhafte Großtante, die nie ihr Haus am Waldrand verließ und “Hexe” genannt wurde. Auf den Spuren von Tante Anita

Es ist keine zehn Jahre her, da lebte in einem kleinen Dorf in Hessen eine
Frau, die war nicht von dieser Welt. Nachbarn sagen, sie sei ihnen wie eine Fee erschienen.
Denn wenn es dunkel war, huschte sie manchmal durch den Garten, scheu und nur mit einem
Nachthemd bekleidet. Ansonsten, so erzählte man sich, verlasse sie das Haus nie. Die Kinder im
Dorf nannten sie eine Hexe. Ihre grauen Haare hatten seit Jahren keine Schere mehr gesehen,
das Haus am Waldrand, in dem sie lebte, war verfallen und der Garten verwildert. In den
umliegenden Dörfern glaubte man, die Frau werde in dem Haus gefangen gehalten.

Diese Frau hieß Anita Hintz. Sie war meine Großtante, die Schwester meines Opas. Was die Nachbarn über sie dachten, wusste ich zu ihren Lebzeiten nicht. Persönlich getroffen habe ich sie nie. Meine Eltern haben selten über Anita gesprochen. In meiner Kindheit und Jugend hatte ich nur eine vage Vorstellung von einer alten Frau, die irgendwo auf dem Land wie eine Einsiedlerin lebte. Anita starb, als ich gerade volljährig wurde, im Jahr 2010. Von uns konnte sich kaum jemand an ihr Gesicht erinnern. Auf der Beerdigung nannte der Pfarrer sie ein “geliebtes Familienmitglied”. Wir senkten betreten die Köpfe.

Dann entdeckten meine Verwandten und ich beim Ausräumen ihres alten Hauses Dinge, die so gar nicht zu dem Bild passten, das ich von meiner rätselhaften Verwandten hatte. Ich erfuhr von einem Geheimnis meiner Großtante. Und ich beschloss, Anita endlich besser kennenzulernen.

Dies ist ihre Geschichte.

Kapitel 1: Das Haus am Waldrand

Der einzige Mensch, der zuletzt noch engen Kontakt zu Anita hatte, war ihre ältere Schwester Renate. Die beiden wohnten im Haus ihrer Eltern wie in einer WG. Dort, wo sie einmal jung gewesen waren, wurden sie auch alt. Da mein Urgroßvater wohlhabend und die beiden Schwestern bescheiden waren, mussten sie nicht arbeiten. Anita mied andere Menschen, doch Renate führte ein ziemlich normales Leben. Sie ging einkaufen, kam uns zu Geburtstagsfeiern besuchen, war Mitglied in einem Reiterclub. Einige Jahre nach Anita starb auch Renate.

Die beiden lebten in Friedrichshütte. Meine Urgroßeltern waren während des Zweiten Weltkriegs aus ihrer Heimatstadt Wiesbaden dorthin gezogen, um den Fliegerbomben der Alliierten zu entkommen. Fremde verirren sich selten nach Friedrichshütte. Der Ort besteht nur aus einer Handvoll Häusern. 55 Menschen leben hier, heißt es auf Wikipedia. Die Lokalzeitung, der
Gießener Anzeiger,
schreibt, es seien sogar bloß 26 Menschen. Egal welche der Zahlen stimmt: Friedrichshütte ist ein kleines Dorf, in dem heute noch jeder jeden kennt und man das ganze Leben in der Nähe seiner Nachbarn verbringt. Nur mit meiner Großtante Anita sprach kaum jemand.

Als meine Mutter und ihre Geschwister kamen, um nach dem Tod der beiden Schwestern den riesigen Haushalt aufzulösen, hatte das Gras den Pfad durch den Garten überwuchert. Bis zuletzt hatten Renate und Anita mit Kohle und Holz geheizt. Keines ihrer elektrischen Geräte funktionierte mehr, weder der Fernseher noch der Kühlschrank. Ein Volksempfänger stand im Wohnzimmer, vergilbte Zeitungen feierten die Kriegsführung Hitlers. Meine Tante, die beim Aufräumen mithalf, erlitt beinahe einen Herzinfarkt, als sie einen Karton in der Garage öffnete und in die Augen einer ausgewachsenen Löwin starrte. Das Tier war auf einer lang vergangenen Safari geschossen und zu einem Teppich verarbeitet worden.



Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 1/19. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Die Natur hatte einen Teil des Hausinneren zurückerobert: Mein Cousin machte Videos von mageren Hausmäusen, die er mit Nüssen fütterte. Meine Tante fand in einer Kiste einen friedlich schlummernden Siebenschläfer. Ein anderer döste auf den Fenstersimsen im Wohnzimmer, dort, wo noch keine Wespennester gewachsen waren. Die kleinen Stallungen auf dem weitläufigen Grundstück waren derart überwuchert, dass man sie auf den ersten Blick kaum erkennen konnte.

Ich machte zu dieser Zeit ein Praktikum in Straßburg, weit weg von meiner Heimatstadt Gießen. Doch manchmal, wenn ich übers Wochenende meine Eltern besuchen kam, begleitete ich sie ins anderthalb Stunden entfernte Friedrichshütte und half ihnen bei der Arbeit in dem alten Haus meiner Großtanten.

An einem dieser Tage halte ich beim Ausräumen einer vollgestopften Kommodenschublade plötzlich eine vergilbte Karte in den Händen. Auf ihr ist sorgfältig eine Route durch Skandinavien eingezeichnet. Sie beginnt in Linköping im Süden Schwedens, führt hinauf bis hinter den Polarkreis, zum Nordkap und wieder hinunter am Nördlichen Eismeer entlang. An manchen Stellen, verrät die Legende, führt die Route über straßenloses Gelände, quer durch die frostige nordische Wildnis. Darüber steht: “Mein Reiseweg”. In Anitas Handschrift.

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