Generation Babyboomer: Zeit, Platz zu machen?

Schiebt ab!

Die Babyboomer haben den Jungen den Klimawandel, einen ungerechten Generationenvertrag und ein kaputtes Europa eingebrockt. Zeit, Platz zu machen

Eigentlich war es in letzter Zeit immer die gleiche Geschichte, die bei gemeinsamen Abendessen erzählt wurde, während wir, müde von langen Arbeitstagen, tellerweise Spaghetti mit Tomatensoße verschlangen und einen billigen Rotwein nach dem anderen öffneten: Die Freunde, alle zwischen 20 und Mitte 30, hatten in kalten Chefbüros auf unbequemen Stühlen gesessen und sich, wie so oft zu Beginn eines neuen Jahres, um Kopf und Kragen geredet. Ihre Wangen waren rot gewesen, die Hände klamm und ihre Stimme eine peinliche Oktave höher als sonst. Sie hatten aufgezählt, was sie in den vergangenen Monaten alles geleistet und geschafft hatten und was sie zukünftig noch besser machen wollten. Sie hatten versucht, das Atmen nicht zu vergessen. Mal das eine, mal das andere Bein übergeschlagen. Es war ein Spiel mit nur einem Ziel gewesen. Am Ende musste irgendwann einer dieser Sätze fallen: “Ich brauche mehr Geld. Mehr Sicherheit. Mehr Perspektive.”

Ihnen gegenüber hatten ihre Vorgesetzten gesessen. Schöne, gepflegte Menschen mit grauen Haaren und gesunder Gesichtsfarbe. Sie hatten zufrieden gelächelt und aufmunternd genickt. Bloß weiter so, hatten sie gesagt und noch ein bisschen breiter gelächelt. Wahrscheinlich, so vermuteten jedenfalls die Freunde, weil sie von dem Engagement, das ihnen entgegenschlug, irgendwie gerührt waren. Es nützte bloß nichts. Am Ende des Gesprächs hatten sie trotzdem erklären müssen, dass die vorgetragenen Wünsche (Vorgesetzte sprachen immer von Wünschen, nie von Forderungen) für das neue Jahr leider nicht erfüllt werden könnten. Sparmaßnahmen, begrenzte Ressourcen, wenig Planungssicherheit und so weiter. Im Moment sei halt alles nicht so leicht. Die Freunde müssten einfach ein bisschen geduldig sein.

Wie die restlichen Abendstunden nach dieser Geschichte verliefen, kann sich jeder vorstellen. Die Freunde schimpften und schlugen mit der Faust auf die Tischplatte, bis die Rotweingläser zitterten. Sie beschrieben die prekären Lebens- und Arbeitsverhältnisse, in denen sie sich trotz Bachelor oder sogar Master bewegten, und zählten die Ungerechtigkeiten auf, die unserer Generation widerfuhren. Meine Freundin Clara, 33, sagte: “Ich habe doch alles richtig gemacht, oder?” Sie hat an der Freien Universität Berlin und der Eliteuniversität Yale Geschichte studiert, unzählige Praktika in renommierten historischen Museen und Institutionen absolviert, eigene Ausstellungen in ihrer Freizeit konzipiert und erfolgreich ein Volontariat beendet. Trotzdem reicht es nur für befristete Honorarverträge. Manchmal arbeitet sie an drei Projekten gleichzeitig. Sie hat kaum Geld. Sie weiß nicht mehr, wann sie das letzte Mal wirklich freihatte, nichts tun musste. Immerhin, sagte Matthias, würde sie ihren Lebensunterhalt noch mit Themen, die sie interessieren, verdienen können. Er ist 29 und arbeitet an drei von fünf Wochentagen in einem Callcenter, um sich das Leben als freischaffender Journalist und Autor leisten zu können. Noch hat er die Hoffnung auf eine Anstellung bei einer Zeitung oder eine Pauschale nicht aufgegeben.

Ich weiß schon, was man jetzt denken könnte: Bitte nicht schon wieder so ein Millennial-Text! Das Gejammer dieser verwöhnten, sich selbst bemitleidenden Generation Y kann keiner mehr hören. Und klar, dieses Gejammer nervt die Freunde und mich ja auch. Deshalb soll es in diesem Text um die anderen gehen: die Generation unserer Eltern, jene schönen, grauhaarigen Verhandlungspartner. Zeit, die Perspektive zu wechseln.

Unsere Eltern sind Angehörige der Generation “Babyboomer”. Sie wurden in den 1950er- und 1960er-Jahren in eine Welt und eine Gesellschaft geboren, die sich von einem grausamen Weltkrieg erholen musste und langsam wieder aufatmete. Ihre Eltern waren gebeutelte Kriegskinder, die sich für ihre Nachkommen nur Frieden, Sicherheit und Wohlstand wünschten. Also krempelten sie die Ärmel hoch, arbeiteten wie verrückt und schoben das, was passiert war, weit weg, in die hintersten Schubladen ihrer Köpfe, wie man das eben so macht, wenn man wieder ans Leben glauben will. Was zählte, war die Zukunft. Und das Tolle, Unglaubliche war: Es klappte. Manche beschreiben diese Jahre deshalb auch als Wunder. Die Vorratskammern waren endlich wieder voll, die Spielplätze noch voller, in den Küchen roch es nach frisch gebackenem Kuchen von Dr. Oetker, es gab Cocktailbars neben den pastellfarbenen Cocktailsesseln, und aus den Radios dröhnte Elvis Presleys “It’s now or never”. Und weil niemand mehr allein sein wollte und man das Glück dieser neuen Ära unbedingt teilen wollte, bekamen die Frauen im Durchschnitt 2,2 Kinder, was schließlich dazu führte, dass im Jahr 1964 in der Bundesrepublik Deutschland 1,36 Millionen Kinder das Licht der Welt erblickten. So viele wie nie zuvor und seither nie wieder. Der Babyboom wurde vor allem durch die Geburten in Westdeutschland getragen, in der DDR war der Geburtenanstieg in abgeschwächter Form aber ebenfalls vorhanden. Heute machen die Geburtsjahrgänge der Fünfziger- und Sechzigerjahre deshalb 30 Prozent der Bevölkerung aus.

Unter diesen Kindern waren unsere Eltern und Menschen wie Angela Merkel, Martin Schulz,
Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz. Sie waren optimistische, eifrige kleine Leute.
Oft waren sie die Ersten in ihrer Familie, die Abitur machten. Sie hörten aufmerksam zu, wenn
die Autoritäten ihnen erzählten, dass sie diesem Land zu noch mehr Wundern verhelfen könnten,
wenn sie fleißig weiter lernten, höhere Ausbildungen absolvierten, Universitäten besuchten und
einen Beruf ergriffen, der ihnen nicht nur ideelles, sondern vor allem materielles Vermögen
bescheren würde. Und weil sie, wie alle Kinder, ihre Eltern stolz machen wollten, folgten sie
dem Rat, wurden älter, klüger und selbstbewusster, stiegen auf und nährten den
wirtschaftlichen Wohlstand. Der Mehrheit der Babyboomer – zu diesem Schluss kommt ein
Thesenpapier der Körber-Stiftung aus dem Jahr 2018 – ging es von Jahr zu Jahr besser. Ihre
Einkommen und ihr Lebensstandard stiegen, und der Wohlfahrtsstaat versprach auch in
schwierigen Zeiten soziale Sicherheit.

Das gilt jedenfalls für den Durchschnitt. Menschen mit geringerem Bildungsstand hatten es
unter den Babyboomern aber ebenfalls schwer und profitierten weniger von dem wirtschaftlichen
Aufschwung als ihre Altersgenossen mit Universitätsabschlüssen. Und große Lücken gab es
natürlich auch bei den Babyboomern in Ostdeutschland, die in der Phase ihres Berufseinstiegs
zusehen mussten, wie die Wirtschaft der DDR zusammenbrach. Ihre Erwerbsbiografien weisen die
größten Brüche und Lücken auf. Große Unterschiede lassen sich auch zwischen Mann und Frau
feststellen. Das jährliche Durchschnittsgehalt der 50- bis 60-jährigen Fachkräfte lag 2017 bei
rund 57.000 Euro. Weibliche Fachkräfte dieser Altersgruppe verdienen im Schnitt aber rund
20.000 Euro weniger
als ihre männlichen Altersgenossen. In Führungspositionen ist der
Unterschied noch größer.

Trotzdem: Die Babyboomer konnten ein größeres Geldvermögen als die Generation vor und nach
ihnen anhäufen. Sie haben viel gespart und haben wenig Schulden. Der Wohlstand dieses Landes
ist ihnen, ihrer schieren Masse und ihrer enormen Zielstrebigkeit zu verdanken.

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